Schumpeter ist aktueller denn je

Die Managementforschung hat in den vergangenen 40 Jahren große Fortschritte gemacht – beeinflusst und getrieben von weltweiten Megatrends. Ein Überblick über die Theorien und Themen, die in Zukunft wichtig werden.

Schöpferische Zerstörung. Ich hörte den Begriff zum ersten Mal, als ich mein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke im Jahr 1995 begann. Was sich zunächst widersprüchlich anhörte, offenbarte sich bei näherer Betrachtung als eine höchst relevante Erkenntnis. Der Prozess der schöpferischen Zerstörung, so schrieb der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, sei „das für den Kapitalismus wesentliche Faktum“: Unternehmen setzen Innovationen am Markt durch, treten damit in Konkurrenz zu Anbietern bestehender Güter und Dienstleistungen und verdrängen diese schließlich. Dieser Prozess erfolgt nicht regelmäßig, sondern „in unsteten Stößen, die voneinander durch Spannen verhältnismäßiger Ruhe getrennt sind“.

In den vergangenen 40 Jahren gab es einige dieser Stöße. Gerade erleben wir eine besonders heftige Erschütterung, ausgelöst durch die Digitalisierung: Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte gut funktionierten, geraten ins Wanken. Etablierte Unternehmen müssen sich schnell und deutlich verändern, um gegen neue Konkurrenten bestehen zu können. Aber nicht alle diese Stöße haben nachhaltige Auswirkungen auf die Wirtschaft. Einige von ihnen kommen und gehen wie Modetrends. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen einen Überblick über die wesentlichen Modelle und Theorien geben, die das wirtschaftliche Denken und Handeln der vergangenen vier Jahrzehnte geprägt haben. Ich wage auch einen Ausblick auf die Zukunft.

Drei große Ereignisse

Welche Ereignisse haben die Wirtschaftswissenschaften am meisten beeinflusst? An allererster Stelle wohl die Globalisierung. Ich bin in Westfalen zur Schule gegangen; als ich auf dem Gymnasium war, existierte noch die DDR. Mit 15 Jahren betrat ich zum ersten Mal Ostberlin. Es war im Juni 1989, wir machten einen Schulausflug. Für mich war es damals unvorstellbar, dass weniger als ein halbes Jahr später die Mauer fallen würde. Und wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich 22 Jahre später als Präsident der ESMT Berlin eine privat gegründete und finanzierte Wirtschaftsuniversität leiten würde, die auch noch im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR residiert und Lehrende und Forschende aus aller Welt anzieht – ich hätte ihn wohl ausgelacht. Noch heute ist in einem Saal der ESMT das goldene Hammer-und-Zirkel-Wappen zu sehen, das von einem Ährenkranz umschlungen ist. Es ist ein Mosaik und ziert eine Wand, die neun Meter in die Höhe ragt. Heute finden in dem Raum, der früher der DDR-Regierung als Festsaal diente, Managementvorlesungen statt. Eine besondere und vor allem besonders schöne Ironie der deutschen Geschichte!

Die Wende war eine Disruption im besten Sinne. Sie führte zur wirtschaftlichen Integration der Staaten in Mittel- und Osteuropa, die durch den Eisernen Vorhang jahrzehntelang weitgehend vom weltwirtschaftlichen Geschehen abgeschnitten waren. Gleichzeitig holte China rasant auf. Das führte gemeinsam mit dem Eintritt weiterer Volkswirtschaften in den globalen Handel dazu, dass sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage in den Märkten für Arbeit, Güter, Dienstleistungen und Kapital deutlich veränderte. Die europäische Einigung hat diesen Prozess nochmals verstärkt. Die wirtschaftliche Integration ist dabei vor allem auf den 1993 geschaffenen Binnenmarkt zurückzuführen, und nicht auf die Einführung der gemeinsamen Währung sechs Jahre später. Das ergab eine Untersuchung eines Forschungsteams rund um den an der Duke University lehrenden Finanzwissenschaftler Cam Harvey.

Ein zweites einschneidendes Ereignis war die Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009. Sie brachte Wirtschaftspolitiker und Managementforscher dazu, den zuvor dominierenden Shareholder-Value-Ansatz zu überdenken. Ihm zufolge sollten sich Unternehmen einseitig an den Interessen der Aktionäre ausrichten. Dieser Gedanke hat durch die Finanzkrise schweren Schaden genommen, mittlerweile stempeln ihn sogar seine früheren Unterstützer als überholt ab. Heute stehen Fragen im Raum wie: Wie stark sollten Regulierungsbehörden in Märkte eingreifen? Wie lassen sich die Interessen verschiedener Stakeholder eines Unternehmens am besten ausgleichen? Das deutsche Wirtschaftssystem ist in der internationalen Anerkennung erheblich gestiegen. Im Fokus stehen dabei die Vorteile der sozialen Marktwirtschaft, die sich aus dem Austarieren zwischen Arbeit und Kapital ergeben. Der in London lehrende Professor für Finanzierung, Franklin Allen, zeigte 2009 in einer Untersuchung, dass – vereinfacht gesprochen – deutsche Unternehmen in der Finanzkrise Dividenden gekürzt und Arbeitsplätze bewahrt haben. Im Gegensatz dazu haben britische und amerikanische Unternehmen die Dividenden konstant gehalten und Arbeitsplätze abgebaut. Auch in meinen Gesprächen mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik im In- und Ausland habe ich immer wieder festgestellt, wie erheblich diese Art der Bewältigung der Finanzkrise zur Steigerung der Reputation des deutschen Wirtschaftssystems beigetragen hat, wie es von vielen sogar als Vorbild betrachtet wird.

Das dritte und jüngste wesentliche Ereignis ist die Digitalisierung vieler Lebens- und Wirtschaftsbereiche. Unternehmen stehen mehr und mehr Daten zur Verfügung, und diese lassen sich immer besser sammeln, analysieren und für ökonomische Zwecke verwenden. Daten haben heute den Status eines heiß begehrten Rohstoffs. In Unternehmen und in Regulierungsbehörden ist eine intensive Debatte über die bestmögliche Nutzung im Gange. Das ist auch an der Zeit. Daten- und plattformgetriebene Geschäftsmodelle wälzen bereits ganze Branchen um; wir beobachten, im schumpeterschen Sinne, eine schöpferische Zerstörung im großen Stil.

Als ich Anfang der 2000er Jahre Finanzökonomie in New York studierte, strebten viele Kommilitonen noch eine berufliche Laufbahn bei Beratungsunternehmen oder Investmentbanken an. Wenn ich heute mit Studierenden rede, erzählen sie mir von ganz anderen Zukunftsplänen. Sie wollen bei Start-ups mit digitalen Geschäftsmodellen arbeiten oder diese gleich selbst gründen. Goldgräberstimmung prägt die Szene, auch wenn schon jetzt klar ist, dass die meisten Vorhaben keinen langfristigen Erfolg haben werden. Die wenigen Ideen aber, die sich durchsetzen, werden ihre Märkte für sich allein haben – und Monopolgewinne einfahren. Sie profitieren vom bekannten Prinzip „The winner takes it all“, das Konzerne wie Amazon, Facebook und die Suchmaschine Google groß gemacht hat.

Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Harvard Business Managers.

Jörg Rocholl ist Präsident der Wirtschaftshochschule ESMT Berlin. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium.

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